Interessante Chilizüchter, interessante Chilisorten, Klatsch und Tratsch zum Thema Chili

Günter

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In den letzten Jahren sind unglaublich viele neue Chili-Begeisterte dazugekommen – und das begeistert uns!

Doch während ständig neue Sorten auftauchen und Trends durch die Szene rauschen, gerät eine spannende Frage fast in Vergessenheit:

Wie hat das eigentlich alles begonnen?

Welche Geschichten stecken hinter den ersten Sorten?
Welche Zufälle, Experimente oder leidenschaftlichen Tüftler haben aus kleinen Samen echte Legenden gemacht?

Und wer sind die Züchterinnen und Züchter, deren Namen man kaum kennt – obwohl wir ihre Kreationen längst feiern?

Hinter jeder besonderen Chili steckt mehr als nur Schärfe. Da sind Menschen mit Visionen, Rückschlägen, Erfolgen und einer ordentlichen Portion Mut. Genau diese Geschichten wollen wir ausgraben.

Lasst uns gemeinsam eintauchen in die Ursprünge, die Anekdoten und die Persönlichkeiten hinter den Sorten – und entdecken, was sie so einzigartig macht.
 
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Ich fange mal mit einem sehr lieben Freund aus Finnland an, den bestimmt viele von euch kennen.

Rauno Selamaa gilt als eine der prägenden Persönlichkeiten der nordischen Chiliszene – ein Mann, der bewiesen hat, dass selbst im rauen Klima Finnlands außergewöhnliche Schärfe gedeihen kann. Während lange Winter, kurze Sommer und kühle Temperaturen für viele als Hindernis erscheinen, sah Selamaa darin eine Herausforderung – und eine Chance.

Mit Geduld, Neugier und einem feinen Gespür für genetische Besonderheiten widmete er sich der Zucht robuster und zugleich geschmacklich vielschichtiger Sorten. Internationale Aufmerksamkeit erlangte er vor allem durch die Entdeckung der sogenannten Candlelight-Mutanten – kompakte, buschige Pflanzen mit aufrecht wachsenden Früchten, die wie kleine Flammen in den Himmel zeigen. Diese ungewöhnliche Wuchsform machte sie nicht nur optisch zu etwas Besonderem, sondern auch zu einer idealen Sorte für den Anbau in Töpfen und unter Kunstlicht – perfekt angepasst an finnische Bedingungen.

Selamaas Arbeit zeichnet sich durch Experimentierfreude und Präzision aus. In Gewächshäusern und Indoor-Anlagen kultiviert er eine erstaunliche Vielfalt an Sorten, selektiert über Generationen hinweg stabile Linien und kombiniert Ertrag, Widerstandsfähigkeit und Aroma. Seine Zucht ist produktiv und zugleich ungewöhnlich: Statt nur auf extreme Schärfe zu setzen, legt er Wert auf Balance – fruchtige Noten, florale Nuancen oder eine klare, reine Schärfe.

Dabei ist seine Arbeit mehr als reine Pflanzenzucht. Sie steht für die Verbindung von Wissenschaft und Leidenschaft, von nordischer Beharrlichkeit und internationalem Austausch. Durch seine Entdeckungen und seine Offenheit gegenüber anderen Züchtern hat er dazu beigetragen, Finnland als ernstzunehmenden Standort für Chilikultur zu etablieren.

Rauno Selamaa zeigt eindrucksvoll, dass Innovation nicht vom Klima abhängt, sondern von Vision und Hingabe. Wo andere nur Frost sehen, erkennt er Potenzial – und lässt kleine, brennende Lichter wachsen.
 
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Rauno aus Finnland hat einen echt speziellen Chilianbau. Im Winter hat er die Pflanzen in der Garage unter Natriumhochdruckdampflampen mit insgesamt mehreren kW Leistung in seiner großen Garage vorgezogen. Danach kamen sie in NFT-Systeme, die er selbst gebaut hatte und später in sein großes Gewächshaus. In seinen Glanzzeiten hatte er jede Saison mehrere hundert kg Chilis und Paprika und mehrere hundert kg Tomaten. Im Tausch zu anderem Saatgut habe ich ihm damals Saatgut der Trinidad Hornet nach Finnland geschickt. Die Trinidad Hornet hatte im NFT-System etwa 3m Höhe und brachte ungefähr 8kg Ernte ein. Seine NFT-Systeme hat er mit einer rechteckigen Mörtelwanne und anderem Material aus dem Baumarkt selbst gebaut und mit einer Pumpe für die Umwälzung der Nährlösung ausgestattet. Oben drauf gab es ein Bewässerungsvlies. Die Pflanze selbst wuchs in einem großen Steinwollewürfel.

Legendär sind auch seine Räucherprodukte. Mit seinem Bradley Smoker machte Rauno genial gutes Chilipulver. Weil seine Kinder nach Deutschland oder Österreich geheiratet hatten, kam er sogar auf die Idee, in Finnland Sauerkraut zu machen. Er machte auch Elch-Schinken und ging früher Hochseefischen.

Ungefähr 2014 verteilte Rauno Saatgut vom Candlelight-Mutant an ausgesuchte Chilifreunde. Dadurch kamen die Mutanten in Umlauf. Es entwickelte sich in kurzer Zeit ein wahrer Hype um die Mutanten.

Daneben gab es (ich meine in Italien) noch ein anderes Projekt, das einen Mutanten einer Chilisorte entdeckt hat, die „Pimento del Deserto o del Sahara“.
 
Von 2015 habe ich noch Fotos von den Candlelight-Mutanten gefunden. Die waren aus Saatgut, das ich von Rauno irgendwann 2014 bekommen hatte.

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Hinter jeder besonderen Chili steckt mehr als nur Schärfe. Da sind Menschen mit Visionen, Rückschlägen, Erfolgen und einer ordentlichen Portion Mut. Genau diese Geschichten wollen wir ausgraben.
In diesem Zusammenhang fällt mir die Rocoto Big Brown ein, an deren Entdeckung und Verbreitung du vor nahezu 10 Jahren maßgeblich beteiligt warst. Wer außer dir könnte die Geschichte dieser Sorte also besser beschreiben!?
 
Gute Idee, Volker!

Rocoto Big Brown

Im Frühjahr 2015 begann alles mit einem unscheinbaren Tauschgeschäft. Ein paar Samen wechselten den Besitzer – ohne großen Namen, ohne Geschichte, ohne Versprechen. Es war keine eigene Entdeckung, keine gezielte Züchtung. Nur ein kleines Päckchen Hoffnung.

Was daraus wuchs, hätte jedoch niemand erwartet.

Schon bald reckten sich zwei Pflanzen kraftvoll in den Himmel. Sie wuchsen und wuchsen, als wollten sie die Welt erobern – am Ende fast zwei Meter breit und über vier Meter hoch. Ein grünes Dach voller Leben.

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Und zwischen den dichten Blättern hingen sie: schwere, glänzende Beeren in einem warmen Braunton, wie poliertes Mahagoni. Eine braune Rocoto in dieser Form – das hatte bis dahin kaum jemand gesehen. Vielleicht war sie sogar einzigartig.

Die Früchte wogen im Schnitt stolze 80 Gramm. Doch immer wieder überraschte die Pflanze mit wahren Giganten von bis zu 120 Gramm. Und davon nicht nur ein paar – nein, sie trug Unmengen. Jede einzelne Pflanze war überladen, als wolle sie zeigen, was wirklich in ihr steckt.

Und dann der Geschmack. Für eine Rocoto angenehm mittelscharf – kraftvoll, aber nicht überwältigend. Eine Schärfe, die respektiert werden wollte, aber nicht dominierte. Genau richtig, um ihr volles Aroma zu genießen.

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Doch etwas fehlte noch: ein Name.

Lange Zeit blieb sie einfach „die braune Rocoto“. Bis Jens, bekannt als @hero , ihr schließlich den perfekten Namen schenkte. Rocoto Big Brown. Einen Namen, der passte wie maßgeschneidert – kraftvoll, würdevoll, unverwechselbar. Es war, als hätte die Sorte nur darauf gewartet. Und plötzlich hatte sie eine Identität.

Bald kamen die Anfragen. Saatguthändler meldeten sich, wollten sie ins Sortiment aufnehmen. Eine Rarität verkauft sich schließlich gut. Doch das kam nicht infrage. Diese Sorte sollte kein Geschäft werden. Ihr Weg war ein anderer.

Die Samen gingen stattdessen an Chilifreunde – an Menschen mit Leidenschaft, nicht mit Verkaufsabsicht. Menschen, die helfen wollten, diese besondere Rocoto unter Gleichgesinnten zu verbreiten.

So wuchs nicht nur die Pflanze, sondern auch eine kleine Gemeinschaft um sie herum.

Über mehrere Jahre hinweg wurde sie weiter angebaut. Und sie blieb stabil. Kräftig. Zuverlässig. Doch dann zeigte sie noch ein weiteres Wunder: Ihre Blüten wurden im Laufe der Zeit immer heller – bis sie fast weiß erschienen. Zart wie Porzellan, beinahe leuchtend im Kontrast zu den dunklen Früchten.

Spätestens da war klar: Das war mehr als nur eine Chili.


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Es war ein Traum von einer Rocoto-Sorte – gewachsen aus einem einfachen Tausch, getragen von Begeisterung, bewahrt von Idealismus.

Und manchmal beginnen die größten Geschichten eben mit einem kleinen Samen.

sie fast weiße Blüten. Also ein Traum von einer Rocoto-Sorte.
 
Ja kommt Leute. Einen habe ich noch.

Rocoto Manzano Michoacán – Die wahre Geschichte einer außergewöhnlichen Chili

Es gibt Chilisorten, die durch Zufall entstehen. Andere werden gezielt gezüchtet. Doch nur wenige tragen eine Geschichte in sich, die so menschlich, so abenteuerlich und so einzigartig ist wie jene der Rocoto Manzano Michoacán.

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Diese besondere Rocoto-Sorte hat ihren Ursprung nicht in einem Labor, nicht in einer gezielten Zuchtstation – sondern auf einem einfachen Markt irgendwo im mexikanischen Bundesstaat Michoacán.

Ein Fund zwischen Markständen – und ein Verdacht

Ein mexikanischer Chili-Enthusiast, ein Freund von Hans Günter Ritter, entdeckte die Sorte zufällig. Zwischen all den üblichen Sorten stach ihm eine Rocoto ins Auge, die anders war: auffälliger, lebendiger, vielversprechender.

Der Händler erzählte ihm, dass die Früchte von einer gepfropften Pflanze stammen würden. Eine ungewöhnliche Bemerkung – denn dieser Aufwand wird nur für Pflanzen betrieben, die wirklich etwas Besonderes sind.

Der Mexikaner dachte sich:
„Für eine langweilige Sorte macht sich niemand die Mühe, so etwas zu veredeln.“
Das reizte seine Neugier – und so nahm er Früchte und Samen mit.

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Von Mexiko nach Kanada – und weiter nach Europa

Der Freund schickte die gewonnenen Samen an Hans Günter Ritter, einen nach Kanada ausgewanderten Deutschen, der in der Chiliwelt als echter Enthusiast bekannt war. Hangu – so kannte man ihn in den frühen Zeiten der Chili-Communities – vermehrte die Sorte sorgfältig weiter.

Die Pflanzen überzeugten ihn sofort: Tolles Aroma, kräftiges Wachstum – aber vor allem etwas, das er noch nie zuvor so ausgeprägt gesehen hatte.

Eine Rocoto mit echtem Seltenheitswert

Die Rocoto Manzano Michoacán zeigt ein Phänomen, das in der Capsicum-Welt kaum vorkommt:
Nicht nur die Blätter sind teilweise panaschiert – sogar die Früchte selbst zeigen Muster aus Hellgrün, Gelb- und Cremetönen, die sich wie zufällig über die Oberfläche ziehen.

Diese Art der Panaschierung ist nahezu einzigartig und macht die Sorte weltweit zu einer echten Rarität.

Ein Geschenk an die Community

Hangu war klar: Eine Pflanze mit solch einer Geschichte, solch einer Besonderheit und solchem Potenzial sollte nicht in den Händen einiger weniger verschwinden. Sie sollte geteilt werden.

Er schickte das von ihm gewonnene Saatgut nach Deutschland – mit einer einzigen Bitte:
Es sollte kostenlos verteilt werden.
Keine Gewinne, keine Exklusivität.
Nur die Freude am Bewahren und Weitergeben einer außergewöhnlichen Sorte.

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Und so begann eine einmalige Community-Aktion:
Die Rocoto Manzano Michoacán wurde europaweit und später weltweit verschenkt und geteilt – von Chili-Fans für Chili-Fans.

Die Sorte lebt – dank Leidenschaft

Heute wächst die Rocoto Manzano Michoacán in vielen Ländern. Jede Pflanze erzählt ein Stück dieser Reise – von Mexiko über Kanada nach Europa.

Sie ist ein Beispiel dafür, dass Chili-Geschichte nicht nur in Laboren geschrieben wird, sondern oft durch Freundschaft, Leidenschaft und gemeinschaftliches Teilen.

Die Rocoto Manzano Michoacán ist mehr als eine Pflanze.
Sie ist ein Symbol für die Kraft einer Community – und für die Schönheit des Unerwarteten.

Und wer einmal eine panaschierte Frucht dieser Sorte in der Hand hält, hält nicht nur ein kleines botanisches Wunder fest – sondern auch ein Stück Chili-Geschichte.

Leider gibt es noch immer einige Chilihändler, die versuchen, aus dieser besonderen Sorte Profit zu schlagen. Das entspricht jedoch ganz sicher nicht dem Geist und den Werten von Hangu, der sie ursprünglich mit der Idee des Teilens und der Gemeinschaft verbreitet hat.
 
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Ja kommt Leute. Einen habe ich noch.

Rocoto Manzano Michoacán – Die wahre Geschichte einer außergewöhnlichen Chili
Schöner Beitrag Günter!:thumbsup:

Eine wirklich tolle Sorte, die Hangu uns da seinerzeit beschert hat! Nicht nur deswegen, sondern auch sonst ist er ein toller Typ, der viel in die Chilicommunity eingebracht hat! Schade, dass er schon so lange nicht mehr aktiv ist!:(

Leider gibt es noch immer einige Chilihändler, die versuchen, aus dieser besonderen Sorte Profit zu schlagen. Das entspricht jedoch ganz sicher nicht dem Geist und den Werten von Hangu, der sie ursprünglich mit der Idee des Teilens und der Gemeinschaft verbreitet hat.
Es gibt immer wieder solche verantwortungslosen Gesellen, die sich nur bereichern wollen und leider kann man das kaum verhindern! Selbst wenn man sie bei der Weitergabe nicht berücksichtigt, finden sie Mittel und Wege, sich in den Besitz solchen Saatgutes zu bringen, indem sie sich dummer Helfershelfer bedienen!:(
 
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